„Frisch Kochen muss nicht lange dauern“: Ein Interview mit Ernährungsexpertin Maike Ehrlichmann

Das Thema Ernährung zieht besonders in den letzten Jahrzehnten immer Aufmerksamkeit auf sich und beschäftigt die Menschen zusehends, sagt die Ernährungsexpertin Maike Ehrlichmann in ihrem Interview mit Vistano. In den ersten beiden Teilen des Interviews beschrieb die studierte Ernährungswissenschaftlerin die Wahrnehmung der eigenen Körpersignale und weshalb diese oft gestört ist. Im letzten Teil des Interviews geht es um die Methode „Ehrlich Essen“, Tipps für die Küche und die oft ersehnte Gewichtsabnahme.

Vistano: Sie beschreiben in Ihrem Buch, drei Grundbegriffe: die Appetitharmonie, den Food-Horizont und die Küchencleverness. Was können wir uns denn darunter genau vorstellen?

Ehrlichmann: Sprechen wir zunächst über die Appetitharmonie. Der Grundgedanke ist, wenn der Appetit in Harmonie ist und alles funktioniert, nehmen sich die Menschen, was sie brauchen und hören dann auf, wenn sie satt sind. In der Tierwelt sehen wir, dass dieser Mechanismus natürlich funktioniert. Die Tiere sind nicht zu dick zum Jagen oder Fliegen. Affen graben sich bei bestimmten Krankheiten spezielle heilende Wurzeln aus und auch Schafe suchen sich Verdauungskräuter.

Auch das Experiment der Medizinerin Clara Davis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zeigte, dass Kinder, die direkt nach dem Abstillen aus allen Lebensmittel auswählen konnten, genau die Lebensmittel wählten, die ihre Bedürfnisse befriedigten – ohne vorher etwas über Essen gelernt zu haben. Das berühmteste Beispiel war der Junge, der rachitische Erscheinungen hatte und dann Lebertran wählte. Das ist definitiv nicht das, was man erwarten würde. Wenn wir den Appetit wirklich wahrnehmen und lernen, wie diese Körpersignale zu verstehen sind, dann sind wir der beste Ernährungsberater.
Der Food-Horizont ist die Gesamtheit der Lebensmittel, die wir wirklich kennen und von denen der Körper weiß, was sie enthalten und was sie uns liefern. Manche haben einen sehr weiten Food-Horizont, weil sie schon viele Dinge probiert haben, und manche haben einen eingeschränkten Food-Horizont und ernähren sich im Extremfall nur von Fertigpizza, Sandwiches und Süßigkeiten. Letzteres führt dazu, dass es Probleme gibt, die richtigen Lebensmittel auswählen zu können.

Dann kommt die Küchencleverness, die Fähigkeit sich Essen zubereiten zu können oder zu wissen, wer es einem zubereiten kann. Ich kann noch so sehr Appetit auf ein Gericht haben, wenn ich es nicht zubereiten kann, wird es niemals Wirklichkeit. Küchencleverness ist in unserer Welt ein bisschen verloren gegangen, wir sind erschlagen von abertausenden Rezepten, überall sieht man Kochsendungen, Blogs und Rezeptdatenbänke ohne Ende, aber eine simple handvoll Rezepte, die man im Alltag kochen sollte, ist oft verloren gegangen. 

Vistano: Und zusätzlich gibt es viele Menschen, die sagen, dass ihnen die Zeit zum Kochen fehlt. Haben Sie Tipps für diese Menschen, wie sie sich die Zeit schaffen können?

EhrlichmannEtwa die Hälfte meines Beratungsfaches besteht am Ende genau darin. Wenn man den Leuten das Essen perfekt vorsetzt, würden sie dreimal am Tag das Richtige essen. Für das Zubereiten aber haben sie keine Zeit. Wirklich Zeit kostet aber nicht das Kochen, sondern das Nachdenken über das Kochen. Mit ein bisschen Logistik und Struktur ist das Kochen aber ganz einfach. Wenn ich ohnehin schon weiß, dass ich diese handvoll Rezepte nehme und etwas variiere, kann ich mich darauf einstellen, was ich immer brauche. Frische Zutaten können dann zwischendurch, in der Mittagspause besorgt werden – das spart Zeit. Einfachheit ist hier ein wichtiger Punkt – weg von der Verwirrung durch Ernährungstrends, hin zu einfachen Grundrezepten. Oft muss es eben schnell und einfach sein und ein Spiegelebroti mit etwas Tomate kann auch schnell gehen und schmeckt. Auch Gerichte im Ofen gehen schnell, ich tue zum Beispiel Gemüse, Kartoffeln und Fleisch in eine Ofenschale, was drei bis fünf Minuten dauert und während es dann im Ofen ist, kann ich Wäsche aufhängen, mich umziehen oder meine Freundin anrufen. Die Zeit zum Kochen war nicht lang. Die Zeit, die das dann im Ofen ist, ist ja nicht meine Zeit. 

Vistano: In ihrem Buch „Ehrlich Essen Macht Schön“ ist von Schönheit, nicht aber von Schlankheit die Rede, aber gerade heute sind viele Ernährungskonzepte auf die Gewichtsreduktion ausgelegt, kann man durch ihre Methode ebenfalls Gewicht verlieren?

EhrlichmannJa, unbedingt. Die Erfahrung zeigt, dass man genau damit Gewicht verliert. Wir haben bewusst bei dem Buch Schönheit als Motivation gewählt, weil der Druck des Dünnseins bei vielen Frauen sehr hoch ist. Außerdem ist die Dünnste nicht unbedingt die Schönste. Wir definieren die Schönheit in 3D und da gehören auch ein gut versorgtes Gehirn sowie eine glückliche Ausstrahlung dazu, die ich habe, wenn es meinem Körper gut geht. Und das Interessante ist, wenn ich tatsächlich das zuführe, was ich brauche, und die Nährstoffe ankommen, fragt der Körper nicht ständig weiter nach mehr. Und deswegen ist Ehrlich Essen eine gute Möglichkeit, abzunehmen, weil sich die Mengen automatisch reduzieren. Das heißt, die Menschen essen weniger sobald sie selbstbestimmt entscheiden, wann sie aufhören – ganz ohne Stress. Durch dieses intuitive Essen nimmt man ab, falls das notwendig ist.

Vistano: Vielen Dank für das interessante Gespräch und die vielen hilfreichen Tipps.

Bildquelle: © Maike Ehrlichmann / Fotografin: Elena Bojadzieva

 

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