Wundermittel Kamelmilch?

Wundermittel Kamelmilch?

Vor kurzem hat die EU-Kommission in Brüssel den europäischen Markt für die Einfuhr von Kamelmilch geöffnet. Das war das Ergebnis langwieriger Verhandlungen. Das strenge europäische Seuchengesetz machte einen Import bislang unmöglich.

Wie schmeckt Kamelmilch?

Eigentlich schmeckt sie nur ein wenig salziger, aber auch cremiger als Kuhmilch. Zu vergleichen ist Kamelmilch mit dem türkischen Joghurt-Getränk Ayran. Käse aus Kamelmilch ähnelt im Geschmack dem von Ziegenkäse.

Kamelmilch zeichnet sich im Vergleich zur Kuhmilch durch einen niedrigeren Fettgehalt von unter zwei Prozent aus. Weiterhin ist sie auch reicher an Kalium, Eisen und Vitamin C als letztere. Einige Quellen bestätigen sogar einen dreifach höheren Gehalt an Vitamin C in der Kamelmilch im Vergleich zur Kuhmilch. Allein das macht Kamelmilch schon interessant. Der Laktoseanteil liegt unter fünf Prozent, genauer gesagt enthält Kamelmilch kein Beta-Lactoglobulin und eine andere Form des Beta-Casein. Sie unterscheidet sich vor allem in ihren Eiweißen, die – anders als bei Kuhmilch-Proteinen – nicht allergen sein sollen.

Kamelmilch enthält zudem Immunglobuline und antibakteriell wirkende Enzyme, wie Lysozyme. Das macht sie eventuell zur lang gesuchten Alternative für Kinder, die an Kuhmilchallergie leiden. Aber was Kamelmilch zu einem Wundermittel krönen soll, sind die mannigfachen medizinischen Einsatzgebiete. Wissenschaftler haben darin Antikörper nachgewiesen, die wirksam sein sollen gegen Krebs, Alzheimer und Hepatitis C, außerdem sollen sie vorbeugend gegen Diabetes und Herzerkrankungen wirken. Ebenso soll Kamelmilch helfen bei Neurodermitis, TBC, Morbus Crohn, Gallensteinerkrankungen, Morbus Collitis, Gastritis, Leberzirrhose, Speiseröhrenentzündungen und anderen Erkrankungen.

Gibt es zu diesen Hypothesen wissenschaftliche Studien?

2005 gab es eine Veröffentlichung im „Israel Medical Association Journal“ zu einer Studie über die Wirkung von Kamelmilch bei verschiedenen Kindern mit schweren Lebensmittelallergien, insbesondere gegen Kuhmilch. Alle acht Kinder dieser Untersuchung vertrugen die Milch gut und wurden angeblich gänzlich von all ihren Lebensmittelallergien befreit. Eine weitere Studie stammt vom Kamelforschungsinstitut im indischen Bikaner. An dieser Stelle sollte bewiesen werden, dass die Gabe von Kamelmilch Diabetes-Typ-1-Patienten hilft, ihre Insulindosen drastisch zu reduzieren. Die Forscher erklärten dies mit der großen Menge zuckersenkender Stoffe in der Milch, die nicht durch die Magensäure zersetzt werden.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, die FAO, unterstützt die weitere Erforschung der Kamelmilch. Der FAO-Milchwissenschaftler Anthony Bennett schätzt das globale Marktpotenzial schon jetzt auf mindestens acht Milliarden Dollar. Momentan macht Kamelmilch nur einen Anteil von
0,23 % der Weltmilchproduktion aus.

Ein Wundermittel?

Skepsis ist angebracht. Kamelmilch wird also oftmals besser vertragen, als Kuhmilch. Margitta Worm vom Allergie-Centrum-Charité in Berlin warnt allerdings, dass Milchallergiker auch bei Kamelmilch nicht auf der sicheren Seite seien. “Auch Kamelmilch enthält Allergene, die über die Kreuzreaktivität zu den Kaseinen bei Kuhmilchallergikern Reaktionen auslösen können”, sagt die Professorin. “Wenn jemand auf Kuhmilch allergisch reagiert, ist auch Kamelmilch nicht sicher.” Der Berliner Allergieexperte Jörg Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthma-Zentrum Westend meint, dass einige der Forschungsergebnisse, die die positive Wirkung der Kamelmilch belegen sollen, das Papier nicht wert seien, auf dem sie gedruckt sind.

Die positiven Resultate mancher Forscher seien daher mit großer Skepsis zu betrachten. Es fehlten vor allem umfassende klinische Studien zum Thema. Auch die enorme Breite an Anwendungsmöglichkeiten und die Vielzahl an Heilsversprechen machten misstrauisch. “Man kann da wohl schon fast von einem Hype sprechen”, so Kleine-Tebbe, “die Kamelmilch scheint eine  aktive Lobby zu haben.” Signifikant ist außerdem, dass die Anzahl der Studienteilnehmer meist zu klein ist, um von einer repräsentativen Studie sprechen zu können.

Ein Produkt mit Zukunft auf dem europäischen Markt?

Zudem gibt es da ein technisches Problem: Untersuchungen der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich haben gezeigt, dass Kamelmilch sich schwerer haltbar machen lässt als Kuhmilch. Egal ob Pasteurisierung, Kurzzeiterhitzung, Hochtemperatur-Erhitzung oder Kochen – Kamelmilch verliert bei jeder Wärmebehandlung ihre medizinische Wirkung. Zwar gibt es schon ab und zu verarbeitete Kamelmilchprodukte wie Schokolade, Eis und Käse zu kaufen, aber angesichts der langen Transportwege wird Kamelmilch aus Arabien als Frischprodukt eher selten in den Kühlregalen stehen. Abhilfe können da Kamel-Farmen in Deutschland und dem europäischen Nachbarländern schaffen, die ähnlich den Straußenfarmen vor einigen Jahren, aus dem Boden schießen. Nicht nur in Dubai ist Kamelmilchschokolade beliebt – inzwischen ist sie auch in USA, China, Japan und sogar in der Schweiz ein Renner. Bald auch verstärkt bei uns?

 

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1 Antwort
  1. Frank
    Frank sagte:

    Der Effekt von Erhitzung und die Haltbarmachung sind tatsächlich ein Problem. Frische Kamelmilch zu finden dürfte momentan tatsächlich etwas schwierig sein. Auch wenn die Anzahl der Kamelmilch-Produkte derzeit relativ zügig wächst. Eine Alternative wären noch Kamelmich-Trinkkuren. Die werden zumeist tiefgekühlt geliefert. Hier wird zumeist sogar ein fester Liefertermin mit den Kunden abgesprochen und peinlich genau auf die Einhaltung der Kühlkette geachtet (-> http://kamelmilch-oase.de/de/kamelmilch-kaufen/). Die andere Option wäre dann eigentlich nur noch Kamelmilchpulver, das sicherlich auch seine positiven Effekte hat. Aber meiner Einschätzung nach ist es besser, je naturbelassener die Rohmilch ist. Da besteht hier im (weitgehend) kamelfreien Westeuropa aber sicher noch Luft nach oben.

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