„Medizinische Therapien sollten nicht verharmlost werden“: Ein Interview mit Dr. med. Michael Hauch

„Medizinische Therapien sollten nicht verharmlost werden“: Ein Interview mit Dr. med. Michael Hauch

In der heutigen Leistungsgesellschaft ist es wichtig, dass alle Menschen funktionieren und möglichst viel Leistung bringen. Auch von den Kindern wird das von Anfang an gefordert. Was aber wenn sich ein Kind nicht schnell genug entwickelt? Leidet es an einer Entwicklungsverzögerung und muss therapiert werden? Viele Erwachsene sehen Therapiebedarf wo keiner ist. Dr. med. Michael Hauch klärt im zweiten Teil seines Interviews mit Vistano darüber auf, weshalb überflüssige Therapien sogar schädlich sein können.

Vistano: Sie sagen, dass Kinder zunächst beobachtet werden sollten, bevor eine vorschnelle Therapie angeordnet wird. Weshalb ist Ihnen die Beobachtung so wichtig?

Hauch: Ich finde ganz wichtig zu wissen, dass wir Menschen keine Roboter sind. Wir unterliegen keinem Schaltplan, sondern entwickeln uns ganz individuell. Erst einmal muss ich als Arzt gucken, woher kommt das Kind und welche Fortschritte hat es in der letzten Zeit gemacht, was kann es gut und was schlecht. Viele haben immer nur einen Defizitblick auf das Kind.

Fatal sind letztendlich die Tests. Die sind zwar teilweise wichtig, aber man muss sie richtig interpretieren. Ich sage den Eltern immer: „Wenn Sie Hochleistungssportler sind und haben jahrelang für die Olympischen Spiele trainiert und sind dort im Endlauf, geben Sie natürlich 130 Prozent.“ Aber ein Kind, das im Kindergarten einen Test machen soll, hält diesen vielleicht für Schwachsinn, möchte grade lieber draußen spielen oder findet den Untersuchenden blöd. Dann sagen die Testergebnisse eines bestimmten Tages gar nichts über das Kind aus. Mir sind gut gemachte und dokumentierte Beobachtungen viel wichtiger. Aus ihnen kann man mehr ablesen als aus irgendwelchen Tests.

Vistano: Da über 40 Prozent der Jungen und etwa 30 Prozent der Mädchen wenigstens eine funktionelle Therapie verordnet bekommen, stellt sich die Frage, bei wie vielen von ihnen diese sinnvoll ist? Gibt es überhaupt Kinder denen eine Therapie helfen kann?

HauchZunächst muss festgehalten werden, dass es bei den Therapien von denen wir nun reden nicht darum geht etwas Verlorenes wieder zu erlangen. Wir reden über Therapien bei Entwicklungsstörungen oder –verzögerungen. Und da muss man sich fragen, was bringt eine Therapie überhaupt? Die Wirkung solcher Therapien ist gar nicht bewiesen, denn es gibt keine Langzeitstudien über Therapieerfolge. Beziehungsweise die Studien, die es gibt, zum Beispiel über Physiotherapie bei Frühgeborenen, zeigen, dass es gar keinen Unterschied gibt. Es gibt keine langfristige Validierung dieser Therapien. Kurzfristig bewirkt sie vielleicht einen Übungseffekt, auch Logopädie zeigt bloß Übungseffekte. Man muss also eigentlich fragen, was machen die überhaupt?

Vistano: Was ist Ihrer Meinung nach schädlicher, eine überflüssige Therapie oder eine nichtverordnete notwendige Therapie?

HauchAuf Grund des nicht bewiesenen Therapieerfolgs bin ich definitiv der Meinung, dass eine überflüssige Therapie schädlich ist. Bei überflüssigen Therapien wird das Kind als krank und unnormal aus der Masse der Kinder herausgehoben, es bedarf schließlich einer medizinischen Diagnose und medizinischen Therapie. Das sollte nicht verharmlost werden. Ich muss auch hinterher den Therapieerfolg überprüfen und das passiert in den meisten Fällen nicht. Außerdem werden vorschnell Therapien verordnet. Deshalb ist das Kapitel ADHS in meinem Buch so umfangreich geworden. Schließlich ist dies ein gutes Beispiel wie vorschnelle Therapien verordnet werden und wie der Markt hier funktioniert.

Therapien sind in hohem Maß schädlich. Einerseits bei dem Kind und andererseits bei den Eltern, weil die Therapien das Defizitdenken der Eltern verstärken. Es schädigt die Eltern-Kind-Beziehung, denn die Eltern werden zu Co-Therapeuten. Sie müssen viel Zeit investieren, die sie lieber im Schwimmbad, bei Brettspielen oder auf dem Spielplatz mit ihrem Kind verbringen sollten.

Denke ich an nichtverordnete notwendige Therapien, muss ich wieder anmerken, dass wir hier von Therapien bei Entwicklungsverzögerungen sprechen, die nicht validiert sind. Ich bin der Meinung, ich brauche dann eine Therapie, wenn ich dem Kind Alltagsfähigkeiten beibringen muss, besonders einem behinderten Kind. Zum Beispiel die Fähigkeit mit einem Löffel essen zu können, sich die Schuhe zubinden zu können oder einen Reißverschluss zumachen zu können. Gerade im Bereich der behinderten Kinder ist es oft so, dass die Eltern sich am Anfang denken: „Jetzt mache ich ganz viele Therapien und dann wird mein Kind normal.“ Und auch da sehen sie das Kind in seinen Bedürfnissen gar nicht, sondern das Kind wird einem Therapiemarathon unterzogen. Dieser ist weder gut für die Entwicklung des Kindes, noch für die Eltern-Kind-Beziehung.

Auch die Angst vor sich schließenden Zeitfenstern ist in diesem Zusammenhang völlig unangebracht. Wir können unser ganzes Leben lang etwas lernen. Das was wir nicht später wieder aufbauen können oder nur mit großen Anstrengungen, ist die Beziehungsarbeit, der Beziehungsaufbau und das Vertrauen der Eltern in das Kind. Wenn das fehlt in den ersten zwei Jahren, kriegt man das später nicht mehr hin.

Ich kann zahlreiche Beispiele aus meiner Arbeit im Kinderhilfezentrum in Düsseldorf nennen. Das ist praktisch ein ganzer Stadtteil, in dem die Kinder aus den Familien heraus genommen werden, weil sie vernachlässigt, missbraucht, geschlagen oder vergewaltigt wurden. Diese Kinder können teilweise mit drei oder vier Jahren weder laufen noch sprechen. Alles was wir mit diesen Kindern machen ist nicht ihnen tausend Therapien angedeihen zu lassen, sondern eigentlich bieten wir ihnen nur ein liebevolles Zuhause, ein sauberes Bett, saubere Kleidung, regelmäßige Mahlzeiten, ein paar Umgangsregeln und eine Bezugsperson. Dann kann man die Kinder nach einem halben Jahr nicht mehr wiedererkennen. Ohne eine Therapiestunde haben sie sprechen, laufen oder hüpfen gelernt.

Therapien können Kindern und Eltern also schaden, was sollen Eltern allerdings tun, wenn sie bemerken, dass ihr Kind eine Entwicklungsverzögerung hat? Ab wann ist eine Therapie sinnvoll und wie kann man das Kind ohne Therapie unterstützen? Diese Fragen beantwortet Dr. Michael Hauch im dritten und letzten Teil des Interviews.

 

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