„Menschen sind keine Treibhaustomaten“: Ein Interview mit Dr. med. Michael Hauch

Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie stehen heute bei vielen Kindern an der Tagesordnung. Der Kinder und Jugendarzt Dr. Michael Hauch begann seinen medizinischen Werdegang mit einem Studium an der Kinderklinik der Universität Düsseldorf, um danach in New York auf einer Kinderkrebsstation weitere praktische Erfahrungen zu sammeln. Als einer der ersten niedergelassenen Kinderärzte in Düsseldorf bietet er seit nunmehr 23 Jahren Familien der unterschiedlichsten sozialen Milieus ganzheitliche Therapie und umfangreiche Diagnosen.

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Kindheit ist keine Krankheit“ (Fischer Verlag) erklärt er, weshalb viele unnötige Therapien verschrieben werden und wie man dieser Therapiewut entgegen wirken kann. Im ersten Teil seines dreiteiligen Interviews mit Vistano erklärt er, wie es zu den hohen Therapiezahlen kommt.

Vistano: Es gibt kumulative Studien und statistische Berechnungen aus denen hervorgeht, dass über 40 Prozent der Jungen und etwa 30 Prozent der Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren wenigstens eine funktionelle Therapie, sprich Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie verordnet bekommen. Wie erklären Sie sich diese hohen Zahlen?

Hauch: Zunächst möchte ich anmerken, dass diese Auswertung nur Zahlen wiedergeben. Es steht nicht darin, wo die Therapien stattfinden, wie die häuslichen Verhältnisse sind, ob es Ein-Eltern-Familien sind, Geschwisterkinder gibt und ähnliches. Um diese Zahlen also zu verstehen, muss man die Hintergründe sehen und sagen, dass sich das Umfeld in dem Kinder aufwachsen gegenüber früher grundlegend geändert hat. Das häusliche Umfeld ist heute ständigen Veränderungen ausgesetzt, die Eltern stehen ständig unter Spannung. Es herrscht in vielen Bereichen, beispielsweise Beruf und Partnerschaft, eine große Unsicherheit, die durch massive Einflussnahmen von außen und das Internet verstärkt wird.

Auch unsere gesellschaftlichen Ansprüche haben sich massiv geändert. Kinder sind in der heutigen Zeit ein sehr kostbares Gut für die Wirtschaft. Dementsprechend müssen Kinder funktionieren und gut ausgebildet sein, damit sie hinterher dem Arbeitsmarkt möglichst viel Intelligenz und Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Dazu kommt, dass wir den Hang zu einer Art Perfektionismus haben. So muss das Kind sich immer nach einem bestimmten Schema entwickeln. Ähnlich wie Treibhaustomaten, die sich alle gleich entwickeln, aber Menschen sind keine Treibhaustomaten.

Zusätzlich leben wir heute in einer Zeit, in der wir meinen, dass wir alles reparieren oder heilen können. Wir denken, dass wir die Mittel haben, wenn wir nur wollen, fördern und Therapien machen, alles ins „Normale“ zu kehren. Damit wir das Kind haben, was sich genau entlang der Normen entwickelt. Das gibt es so einfach nicht.

Vistano: Wer ist Ihrer Meinung nach für die zunehmende Therapiewut in Deutschland verantwortlich? Geht das immer von den Eltern aus? Liegt es eher an den ErzieherInnen und LehrerInnen oder vielleicht an den Therapeuten selbst?

Hauch: Die meisten Eltern kommen in meine Praxis, weil sie nicht nur eine Therapieempfehlung, sondern eine Therapieaufforderung haben. Diese geht in den meisten Fällen von Erzieherinnen oder Grundschullehrerinnen aus. Nicht zuletzt weil sie sich nicht anders zu helfen wissen, wenn die Eltern nach einem Grund für die schlechten Leistungen des Kindes fragen. Sehr selten kommen Eltern von sich aus mit irgendeiner Frage und dies ist im Großen und Ganzen auf die ersten zwei Lebensjahre des Kindes beschränkt. Und selbst dann ist es oft so, dass die Eltern etwas gelesen haben. „Da steht aber drinnen, dass er mit einem Jahr laufen können muss, das kann er aber noch lange nicht.“

Der Einfluss von Außenstehenden geht mittlerweile sogar soweit, dass wir zumindest in Großstädten eine solche Flut an Therapeuten haben, die knapp an Patienten sind und sich deshalb Kindergärten und Grundschulen anbieten, um die Kinder hier zu untersuchen. Hierbei sehen diese dann bei 40 bis 50 Prozent der Kinder Therapiebedarf. Das gilt besonders für angestellte Therapeuten in Großpraxen. Denn sie sind angehalten, das Maximum, was ihnen die Krankenkassen zahlen, auszureizen und doch noch einmal eine Rezeptverlängerung zu beantragen, auch wenn sie denken, dass die Therapie eigentlich nichts bringt. Mit solchen Therapeuten arbeite ich nicht zusammen.

Vistano: Wenn man davon ausgeht, dass viele der verordneten Therapien überflüssig sind, stellt sich die Frage nach dem Warum. Weshalb verordnen trotzdem noch viele Kinder- und Jugendärzte so häufig Therapien?

Hauch: Es gibt keine funktionelle Therapie ohne eine Verordnung vom Arzt. Hierfür gibt es mehrere Gründe.

Erstens lernen Ärzte den richtigen Umgang mit Therapien nicht in ihrer Ausbildung – weder im Studium, noch in der Facharztausbildung. In der Facharztausbildung betreuen sie Kinder und Familien nicht langfristig. Sie sehen ein Kind einmal und selbst chronisch kranke Kinder sehen sie ein- oder zweimal. Aber sie betreuen ja keine Familie von Geburt an, die vielleicht drei oder vier Kinder hat, so wie ich.

Zusätzlich kommen sie aus dem Studium und der Facharztausbildung mit einer Allmachtvorstellung. „Ich kann allen helfen, ich kann alles heilen, ich kann alles tun. Die Medizin kann alles geraderücken.“ Um so zu handeln wie ich, brauchen sie nicht nur eine sehr gute Ausbildung und gute Lehrer, sondern auch ganz viel Erfahrung. Mein damaliger Lehrer vertrat genau meine heutige Einstellung und lehrte mich, dass man nichts im Gehirn umpolen kann, was nicht vom Gehirn kommt.

Außerdem kommt ein gewisser Druck von den Eltern. Einige Eltern sagen dann: „Wenn Sie mir das Rezept nicht ausstellen, gehe ich eben zum Hausarzt, der stellt es schon aus.“ Wenn Eltern mit mir nicht zufrieden sind, sage ich, dass es 45 Kinderärzte in Düsseldorf gibt. Ich persönlich kann allerdings gut damit leben, dass unzufriedene Eltern wechseln.

Auch der wirtschaftliche Druck spielt eine große Rolle. Wir werden ja mehr oder weniger pauschal bezahlt. Ob ich einer Mutter kurz zuhöre und auf einen Computerknopf drücke, um die Verordnung auszudrucken, was mich kaum drei Minuten kostet, oder ob ich mindestens eine Stunde Zeit in Gespräche mit Eltern, Erzieherinnen oder Lehrerinnen und Untersuchungen investiere, ich bekomme das gleiche Geld. Unter dem heutigen Druck, der auf uns lastet, versuchen einige Ärzte möglichst schnell und effizient zu arbeiten.

Dazu kommt die Einstellung, dass irgendjemand dem Kind ja helfen muss. Andere Ärzte sagen dann, dass zu Hause nichts passiert und das schrecklich ist. In der Therapie hat das Kind dann wenigstens einmal in der Woche für eine Stunde jemanden, der liebevoll mit dem Kind umgeht und es umsorgt. Also der Gedanke, dass man als Arzt helfen muss. Dass das keine Hilfe ist, wenn ich das falsche aufschreibe, ist den meisten Ärzten vielleicht nicht bewusst.

Den letzten Grund sehe ich darin, dass wir das, was eigentlich hilft, wie Erziehungsbeihilfe, Hilfe durch das Jugendamt oder Elternaufklärungskurse, nicht verordnen können. Und selbst wenn ich mal eine pädagogische Maßnahme haben will, die gibt es beispielsweise bei bestimmten Sprachstörungen in Form von bestimmten Elterntrainings, fallen diese nicht unter Therapie sondern Pädagogik. Hier muss ich extrem komplizierte Einzelanträge stellen, das ist sehr viel Arbeit, für die ich natürlich auch keinen Pfennig bekomme.

Nachdem Herr Dr. Hauch in diesem ersten Teil des Interviews über die Gründe für überflüssige Therapien gesprochen hat, beantwortet er im zweiten Teil die Frage, ob diese Therapien einen Nutzen haben oder eher schädlich sind.

Buchautor: Michael Hauch  Foto: Thekla Ehling

 

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