Hochsensibilität: Segen oder Fluch?

Hochsensibilität ist ein Begriff, der immer häufiger in den Medien auftaucht.

Was ist Hochsensibilität?

Der Begriff Hochsensible Person (HSP) wurde Ende der 90er Jahre von der amerikanischen Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Elaine Aron geprägt. Ihr Buch „Highly Sensitive Person“ von 1996 ist bis heute das Standardwerk der HSP-Forschung und die Basis für sämtliche darauf folgenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Nach ihren Forschungen sind ca. 15-20 Prozent der Menschen hochsensibel. Sie nehmen äussere Reize, wie Geräusche oder innere Reize wie die Gefühlslage anderer Menschen nicht nur wesentlich intensiver wahr als „Normalsensible“ sondern reagieren auch auf unterschwellige und geringfügige Reize, die von den meisten Menschen gar nicht wahrgenommen werden.

Hochsensibilität führt also zu einer wesentlich schnelleren Reizüberflutung, weil Nervensystem und Gehirn die extrem umfangreiche Stimulation nicht mehr richtig verarbeiten können und „Überforderung“ signalisieren. Hochsensible Personen benötigen früher eine Pause um all die eingegangenen Informationen zu verarbeiten. Dies bedeutet aber auch, dass HSP, die nicht ihrem Wesen entsprechend leben, häufig anfälliger sind für psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel ängstliche Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen. Die permanente Überschreitung der eigenen Grenzen kann schnell zu einem Burn-out werden.

HSP ist nicht gleich HSP

Sensorisch sensible HSP haben besonders feine Sinneswahrnehmungen, sie reagieren stark auf optische Reize, andere z. B. auf Gerüche und Geräusche. Emotional sensible HSP nehmen Feinheiten im zwischenmenschlichen Bereich besonders intensiv wahr. Sie haben häufig eine stark ausgeprägte Intuition, sind mitfühlend und empathisch. Kognitiv sensible HSP haben dagegen ein außergewöhnlich starkes Gespür für Logik und komplexe Zusammenhänge. Die meisten HSP erleben sich als eine Mischung aus diesen drei Kategorien. Ca. 70 Prozent der HSP gelten als introvertiert. Um der Reizüberflutung zu entkommen, ziehen sie sich schnell zurück, sodass sie von anderen als gehemmt, scheu oder auch arrogant wahrgenommen werden. Tatsächlich sind diese Menschen aber genauso viel oder wenig kontaktfreudig wie Nicht-HSP, sie brauchen lediglich andere, reizärmere Rahmenbedingungen, um mit ihren Mitmenschen zu interagieren.

Hochsensibilität ist keine Krankheit!!

Viele HSP leiden unter ihrer Besonderheit, meistens bis ihnen bewusst wird, dass sie nicht unzulänglich oder unnormal sind, sondern zum Kreis der HSP gehören. Wer hochsensibel ist, stösst bei seinen Mitmenschen häufig auf Unverständnis. Viele glauben, dass sie krank sind, mit ihnen etwas nicht stimmt oder gar psychologische Behandlung benötigen. Hochsensibilität ist weder „unnormal“ noch eine Krankheit sondern eine psychologische und neurophysiologische Ausprägung.

Sind Frauen häufiger davon betroffen?

Es gibt keine Hinweise darauf, dass es mehr weibliche als männliche HSP gibt. Mädchen wird es eher erlaubt sensibel und empfindsam zu sein. Männer, die bereits im Kindesalter gelernt haben, cool und stark zu sein, fällt es daher wesentlich schwerer, sich einzugestehen, wenn sie besonders feinfühlig sind. Das Klischee vom „starken Mann“, der sich allen anderen Männern gegenüber behauptet und Frau und Familie vor Gefahren beschützt, ist höchst lebendig. Von Frauen hingegen wird traditionsgemäß erwartet, einfühlsam zu sein.

Wie entsteht HSP?

Nicht jeder HSP wird als solcher geboren. Manche HSP entwickeln diese Fähigkeiten erst im Laufe ihres Lebens. Je mehr stressbelastete und traumatische Erfahrungen ein Mensch macht, desto feiner werden seine Sinne. Hierbei handelt es sich um eine Art Schutzmechanismus, der entwickelt wird, um zukünftige negative Erfahrungen zu vermeiden.

Vorteil der Hochsensibilität

HSP nehmen viel mehr und feinere Einzelheiten wahr als andere Menschen und verarbeiten diese Eindrücke auch detaillierter und tiefer. Das ermöglicht ihnen sehr enge zwischenmenschliche Beziehungen mit großer Intimität, Harmonie und tiefem Verständnis für den anderen. Auch übergreifendes Denken, Feingefühl, Einfühlungsvermögen, ausgeprägte Intuition, Kreativität und Sinn für Ästhetik gehören zu den positiven Begleiterscheinungen für Hochsensibilität. Dies kann zu außergewöhnlichen Fähigkeiten führen. Sensorisch veranlagte HSP haben oftmals eine musische oder künstlerische Begabung. Emotional sensible Menschen ergreifen gerne helfende Berufe, wie Therapeut oder Coach. Kognitiv sensible Menschen haben die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, nicht selten in den Bereichen Technik und Wissenschaft.

Eigendiagnose Hochsensibilität?

Es gibt kein allgemeingültiges Diagnoseverfahren um festzustellen, ob ein Mensch hochsensibel ist. Viele HSP berichten davon, dass bereits die Vermutung, hochsensibel zu sein, ihnen dabei geholfen hat, sich selbst mehr zu akzeptieren und das Leben entsprechend zu gestalten und einzurichten. Sie lernen, sich abzugrenzen und versuchen nicht mehr, wie alle anderen zu sein, sondern stehen zu ihrer Besonderheit. Sie erlauben sich zu genießen und sind einzigartig!

Seien sie stolz darauf, dass Sie so große Gefühle in sich haben und die Welt in allen Farben viel bunter und glänzender sehen als alle anderen!!!

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