Süchtig

Bei mir war es der Tabak. Mit 16 hatte ich mit meinen beiden Freundinnen eine Zwanzigerpackung „Lord Extra“ leer gequalmt. Die eine bekam Pickel, der anderen wurde schlecht, ich hingegen fühlte mich cool. Wie nach einem Initiationsritual kam ich mir vor, als ob ich die Schwelle zum Erwachsensein überschritten hätte. Es kam mir nicht in den Sinn, dass mich dieser Einstieg in eine jahrzehntelange Abhängigkeit führen würde, aber der Anfang war gemacht.

Jetzt gehörte ich dazu: Zum Raucherclub auf dem Schulhof, im Eiscafé, auf Parties. Ich rauchte mit meinem Vater, meinen Freunden, meinem Bruder, meinen Großeltern sogar… Außer meiner Englischlehrerin hat mich damals niemand darauf aufmerksam gemacht, dass Rauchen eine Sucht werden kann, oder auch „nur“ gesundheitsschädlich sei.

Im Studium wurde es dann ernst: Ich rauchte anstatt zu frühstücken, aus Langeweile, zum Kaffee, beim Lernen, Lesen, im Auto, bei der Hausarbeit, beim Gassigehen mit dem Hund- ja, vielleicht sollte ich es so sagen: ich rauchte nur selten nicht.

Als ich 30 Jahre alt war habe ich es zum ersten Mal geschafft, damit aufzuhören. Warum habe ich wieder damit angefangen? Heute weiß ich, dass es an meiner Clique lag. Meine Rauchermannschaft war von meiner Abstinenz nicht gerade begeistert. Ich hatte Angst, nicht mehr dazu zu gehören. Hinter dem Leid, auf meinen „Stoff“ zu verzichten entdeckte ich die Urangst, aus der Herde verstoßen zu werden. Allein bei dieser Vorstellung wird klar, warum es so immens schwer ist, mit einer schlechten Angewohnheit zu brechen, und dass es selten möglich ist, es allein zu schaffen.

Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, aus einer Sucht auszusteigen. Der erste Schritt ist bereits damit getan, dass wir uns die Abhängigkeit eingestehen. Es kann ein langer Weg sein, aber er lohnt sich. Wir müssen es immer wieder versuchen.

Ich bin schließlich freigekommen. Der letzte Versuch, er liegt 15 Jahre zurück, war erfolgreich: Mülltonne auf, Zigaretten rein. Jetzt denke ich, dass es wahrscheinlich für jedwede Sucht eine Zeit gibt und somit auch ein Ende. Damit wir den richtigen Moment nicht „verschlafen“, sollten wir es immer wieder probieren, ob der Tabak noch zu uns passt.

Vielleicht trifft diese Überlegung auch auf andere Süchte zu, vielleicht hat jede Sucht ihre Zeit. Was also hält uns davon ab, den esrten Schritt in die Freiheit zu wagen?

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