Essstörungen im Spiegel der Zeit

Essstörungen werden zu den Zivilisationskrankheiten gezählt. Eine Essstörung wird definiert als Verhaltensstörung mit meist ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden. Der Betroffene beschäftigt sich ständig gedanklich und emotional mit dem Thema „Essen“. Essstörungen betreffen die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und hängen oft mit psychosozialen Störungen oder mit der Einstellung zum eigenen Körper zusammen.

Medizinisch gesehen eine Störung der Energiebilanz

zu hohe Energiezufuhr bei zu geringem Energieverbrauch führt zu Übergewicht, zu geringe Energiezufuhr bei zu hohem Energieverbrauch führt zu Mangelernährung, falsche Ernährung führt zu Vitaminmangel, Mineralmangel und Störung des Elektrolythaushalts im Körper. Physiologische Regelmechanismen können den Energieumsatz des Körpers über einen gewissen Zeitraum und in begrenzten Ausmaßen an das Energieangebot anpassen. Im Falle des Energiemangels werden Stoffwechselregulationen eingesetzt, um z.B. vorhandene Energievorräte wirkungsvoller auszunutzen und Energie einzusparen.

Die einzelnen Störungen sind nicht klar gegeneinander abgrenzbar. Oft wechseln die Betroffenen von einer Form zur anderen, die Merkmale gehen ineinander über und vermischen sich. Bei allen chronisch gewordenen Essstörungen sind lebensgefährliche körperliche Schäden möglich (z.B. Unterernährung, Mangelernährung, Fettleibigkeit). Frauen sind verstärkt betroffen. Bei ihnen treten auch Störungen im Menstruationszyklus auf, bis zum totalen Aussetzen der Menstruation (Amenorrhoe). Die Übergänge zwischen „normal“ und „krankhaft“ sind von vielen Faktoren abhängig. Ein Mensch, der aus religiösen (z.B. Ramadan) oder ideologischen Gründen besondere Ernährungsformen pflegt, ist nicht unbedingt essgestört. Manche Esssüchtige sind körperlich und in ihrem Verhalten völlig unauffällig – die Sucht spielt sich bei ihnen ausschließlich im Kopf ab.

Esssucht

Esssüchtige essen zwanghaft und denken dauernd an „Essen“ und an die Folgen für ihren Körper. Sie essen entweder zu viel oder kontrollieren ihr Gewicht mit komplizierten Systemen von Essen, Diäten, Fasten und Bewegung. Esssucht führt häufig zu Übergewicht oder Fettleibigkeit mit den zugehörigen gesundheitlichen und sozialen Problemen. Übergewichtige fühlen sich als Versager und Außenseiter. Fehlernährung kann zu zusätzlichen Problemen führen.

Übersicht der verschiedenen Essstörungen

Magersucht

Die Magersucht (Anorexia nervosa) ist durch einen absichtlich und selbst herbeigeführten Gewichtsverlust gekennzeichnet. Durch Hungern und Kalorienzählen wird versucht, dem Körper möglichst wenig Nahrung zuzuführen, durch körperliche Aktivitäten soll der Energieverbrauch gesteigert werden. Die betroffene Person sieht dabei den eigenen körperlichen Zustand häufig nicht, sie empfindet sich als zu dick, auch noch mit extremem Untergewicht (Körperschemastörung).

Folgen der Magersucht sind Unterernährung, Muskelschwund und Mangelernährung. Langzeitfolgen sind u.a. Osteoporose und Unfruchtbarkeit. 5-15 % der Betroffenen sterben, jedoch meist nicht durch eigentliches Verhungern, sondern durch Infektionen des geschwächten Körpers oder durch Suizid.

Ess-Brech-Sucht

Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimie, Bulimia nervosa) sind die Betroffenen meist normalgewichtig, haben aber große Angst vor Gewichtszunahme, dem „Dickwerden“. Deshalb ergreifen sie ungesunde Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, exzessiven Sport, Abführmittelgebrauch, Fasten oder Einläufe. Dadurch gerät der Körper in einen Mangelzustand und es kommt zu sog. Essattacken, wobei große Mengen Nahrung auf einmal verzehrt werden.

Neben diesen Heißhunger bedingten Fressattacken gibt es auch stressbedingte. Das Überessen und Erbrechen wird häufig als entspannend erlebt. Die Ess-Brech-Sucht kann zu Störungen des Elektrolyt-Stoffwechsels, Entzündungen der Speiseröhre, Zahnschäden sowie zu Mangelerscheinungen führen. Da durch einen gestörten Elektrolythaushalt das Herz angegriffen wird, kann es sogar zu Herzversagen und folglich zum Tod kommen, insbesondere wenn die Ess-Brech-Sucht noch mit Untergewicht einher geht.

Binge Eating Disorder (BED)

Fressattacken treten im Zusammenhang mit suchtartigen Heißhungergefühlen auf. Von Binge Eating wird gesprochen, wenn während mindestens sechs Monaten an mindestens zwei Tagen pro Woche ein Anfall von Heißhunger auftritt, bei dem in kürzester Zeit ungewöhnlich große Mengen Nahrungsmittel aufgenommen werden. Der Betroffene verliert die Kontrolle über die Nahrungsaufnahme. Außerdem müssen mindestens drei der folgenden Diagnosekriterien zutreffen:

  • essen, ohne hungrig zu sein
  • besonders schnelles Essen
  • essen, bis ein unangenehmes Gefühl einsetzt
  • allein essen, um Gefühle von Schuld und Scham zu vermeiden
  • die Essanfälle werden als belastend empfunden
  • nach dem Essanfall Gefühle von Ekel, Scham oder Depressionen

Obwohl die Essattacken jeweils nur kurz dauern, kann die Binge Eating Disorder zu Adipositas führen. Von der Bulimie unterscheidet sich BED durch ausbleibende Maßnahmen, eine Gewichtszunahme durch Erbrechen, Intensivsport oder Fasten zu verhindern.

Pica-Syndrom

Ein psychiatrisches Symptom, das sich auch bei Menschen mit geistiger Behinderung oder Demenz zeigen kann. Die Störung ist eher selten und keine Essstörung im eigentlichen Sinne. Menschen essen dabei ungewöhnliche Dinge, z.B. farbige Papierschnipsel, Gartenerde, Ton, Tafelkreide oder Kot. Dies kann zu Vergiftungen, Unterernährung und Verstopfung führen.

Orthorexia nervosa

Krankhaftes Gesund-Essen. Betroffene verbringen mehrere Stunden täglich damit, zwanghaft Vitamingehalt und Nährwerte zu berechnen und Lebensmittel auszuwählen, wobei sich die Auswahl der „erlaubten“ Lebensmittel immer weiter verringert. Folgen sind Unterernährung, Mangelernährung und soziale Isolation. Die Betroffenen haben Angst vor den Lebensmitteln, die sie für ungesund halten. Orthorexia nervosa zeigt auch Merkmale einer Wahn- oder Zwangsstörung.

Anorexia athletica

Durch übermäßigen Sport und damit verbundenen Kalorienverbrauch versuchen die Erkrankten, Gewicht zu verlieren. Diese Störung ist auch als „Sportsucht“ bekannt. Seit den 1980er Jahren wird vom gehäuften Auftreten dieser Störung bei Leistungssportlern berichtet. Charakteristisch ist eine zu geringe Zufuhr an Kalorien, die zu schweren Gesundheitsproblemen führt, u.a. Abnahme der Knochendichte, Knochenbrüche und Amenorrhoe.

Therapie von Essstörungen

Erfolgreiche Behandlungen gehen von einem multimodalen Ansatz aus, d.h. es werden unterschiedliche Behandlungsstrategien gleichzeitig eingesetzt. Im Zentrum steht die Psychotherapie (kognitive oder psycho-dynamische Therapien). Bei manchen Essstörungen haben sich familientherapeutische Behandlungsprogramme als ebenso sinnvoll erwiesen. Bei Kindern und Jugendlichen ist eine Beratung und Psychoedukation der Eltern immer notwendig. Gleichzeitig kann ein Ernährungsprotokoll geführt werden.

Bei bestimmten Essstörungen ist regelmäßiges Wiegen notwendig sowie Unterstützung bei einer ausgewogenen Ernährung. Medikamentöse Therapie (Antidepressiva) kann in manchen Fällen (Anorexie oder Bulimie) hilfreich sein, ebenso die Vermittlung von Therapiepro-grammen in Selbsthilfegruppen. Wenn die ambulante Behandlung keinen Erfolg bringt, ist eine stationäre oder zumindest teilstationäre Behandlung erforderlich. Insbesondere bei Anorexie ist eine stationäre Behandlung als lebenserhaltende Maßnahme notwendig, wenn ein kritisches Untergewicht erreicht ist, auch, wenn körperliche Folgeschäden zu erwarten sind, z.B. bei zu geringer Flüssigkeitszufuhr oder häufigem Erbrechen.

Diagnostik

Die Diagnostik der Essstörung erfolgt durch Befragung des Patienten und über Fragebögen. Unter-, Übergewicht und Adipositas werden mit dem Body-Mass-Index und anderen Kennzahlen gemessen.

Body-Mass-Index

Der Body-Mass-Index (BMI) ist eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen. Da Übergewicht ein weltweit zunehmendes Problem darstellt, wird die Körpermassenzahl v.a. dazu verwendet, auf eine diesbezügliche Gefährdung hinzuweisen.

Der BMI wird folgendermaßen berechnet

BMI = m ÷ l² m steht für das Körpergewicht in Kilogramm, l gibt die Körpergröße in Metern an.

Beispiele

Frau, 56 kg, 1,70 m. Wir rechnen: 56 ÷ (1,7 x 1,7) = BMI 19,38 Mann, 78 kg, 1,76 m. Also: 78 ÷ (1,76 x 1,76 ) = BMI 25,18

Interpretation des Body-Mass-Index

BMI-Werte normalgewichtiger Personen liegen laut WHO-Adipositas-Klassifikation zwischen 18,50 und 24,99 – ab einer Körpermassenzahl von 30 gelten die übergewichtigen Personen als behandlungsbedürftig.

Häufigkeit und Folgen von Essstörungen

Hier einige Zahlen für Deutschland:

  • Magersucht: Etwa 140.000 Menschen sind betroffen. 90 % davon sind Frauen zwischen 15 und 35 Jahren, 10 % Männer.
  • Ess-Brech-Sucht: Etwa 700.000 Menschen sind betroffen.
  • Binge Eating Disorder: Etwa 3,2 Millionen der Bevölkerung sind betroffen, sie ist die häufigste Essstörung.

Eine aktuelle Studie des Robert Koch-Instituts mit über 17.000 Teilnehmern zwischen 11 und 17 Jahren zeigte bei fast 30 % der Mädchen Essstörungen wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Fettsucht. Bei Jungen waren 15 % betroffen. Außerdem waren Kinder aus sozial benachteiligten Familien fast doppelt so häufig betroffen wie Kinder aus den oberen sozialen Schichten. In einer österreichischen Studie über Essstörungen bei Models fand sich eine Prävalenzrate essgestörten Verhaltens von 19 % der befragten Personen, über 40 % waren zum Untersuchungszeitpunkt auf Diät.

Adipositas stellt ein weltweit zunehmendes Problem dar. So sprechen die Weltgesundheitsorganisation WHO und die CDC inzwischen von einer globalen Epidemie bzw. Pandemie, die ebenso ernst genommen werden sollte wie jede zum Tod führende Infektionskrankheit. Weltweit leben laut WHO rund 1,3 Milliarden Menschen mit starkem Übergewicht. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird die Zahl der übergewichtigen Menschen innerhalb der nächsten zehn Jahre auf 1,9 Milliarden ansteigen.

DIE GROSSEN III

I. DIE MAGERSUCHT

Definition Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine Essstörung, bei der die Betroffenen ein nicht dem Alter und der Statur entsprechendes minimales Körpergewicht anstreben. Die Wahrnehmung von Figur, Gewicht und Aussehen ist gestört, es besteht Angst vor Gewichtszunahme. Die Gefahren, die sich aus dieser Situation ergeben, werden verleugnet. Hinzu kommen häufig soziale Isolation und Depressionen. Auftreten und Häufigkeit Magersucht ist eine psychosomatisch bedingte Essstörung. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.

Der Beginn der Anorexie liegt i.d.R. zwischen dem 14. und 25. Lebensjahr. Ursachen Vor allem das in den westlichen Industrienationen geltende Schönheitsideal hat einen großen Einfluss auf die Krankheitsentstehung. Dabei wird Schlankheit immer wieder mit Attraktivität, beruflichem und privatem Erfolg assoziiert. Durch die Medien wird dieses Bild weiter gefördert. Dies führt dazu, dass vor allem Mädchen mangelndes Selbstwertgefühl durch übertriebenen Schlankheitswahn kompensieren wollen. Diagnose Für die Diagnose „Anorexia nervosa“ reicht Untergewicht allein nicht aus. Zunächst müssen alle organischen Ursachen ausgeschlossen werden (u.a. Schilddrüsenüberfunktion, Diabetes mellitus Typ 1, Malabsorptionssyndrom etc.).

Diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa (DSM-IV)

Untergewicht:
  • Gewicht wird absichtlich unterhalb des normalen Bereichs gehalten
  • Furcht vor Gewichtszunahme (trotz bestehendem Untergewicht)
  • Verzerrte Körperwahrnehmung: Patienten fühlen sich oder einen bestimmten Teil ihres Körpers zu dick (trotz bestehendem Untergewicht)
  • Amenorrhö (bei Frauen): Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen

Subtyp

  • Restrikitver Typ: Keine regelmäßigen Essanfälle und kein abführendes Verhalten
  • Bulimischer Typ: Regelmäßige Essanfälle und regelmäßig abführendes Verhalten

Auswirkungen auf den Körper

Kaliummangel: Krankhaftes Untergewicht hat vielfältige und gravierende Auswirkungen auf den menschlichen Körper bis hin zu lebensbedrohlichen Komplikationen. Dazu zählt v.a. der durch Mangelernährung ausgelöste Kaliummangel, der lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen zur Folge haben kann.

Blutarmut / Ödeme: Aufgrund einer Schädigung des Knochenmarks kann eine Anämie entstehen. Durch die niedrige Eiweißzufuhr mit der Nahrung kommt es zum Absinken des Albumins (Transportprotein). Bei einer verringerten Albuminkonzentration kann die im Blut enthaltene Flüssigkeit nicht mehr ausreichend gebunden werden und lagert sich im Gewebe ab, es kommt zur Ödembildung.

Verringerte Östrogenproduktion: Nachlassende Östrogenproduktion kann das Ausbleiben der Menstruation zur Folge haben. Östrogene unterstützen die Einlagerung von Calcium in die Knochenmatrix. Da dieser Vorgang im Kindes- und Jugendalter besonders wichtig und bis zum 30. Lebensjahr abgeschlossen ist, hat eine Amenorrhö v.a. in diesem Lebensabschnitt eine geringere Knochendichte zur Folge, wodurch sich die Gefahr einer Osteoporose erhöht.

Erhöhter Cortisolspiegel: Um den Blutzucker trotz der mangelnden Zufuhr von Kohlenhydraten konstant zu halten, muss Glucose aus anderen Substanzen (z.B. Ketonkörper, bestimmte Aminosäuren) gebildet werden. Dies macht eine erhöhte Sekretion von Cortisol sowie anderen Hormonen notwendig. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel kann zu Haarausfall, Hautveränderungen und psychischen Erkrankungen führen und begünstigt Osteoporose.

Unfruchtbarkeit: Durch eingeschränkte Östrogenbildung kommt es zur Störung der weiblichen Keimdrüsen. Die daraus resultierende Unfruchtbarkeit bleibt auch bei erfolgreicher Behandlung meist noch Monate bis Jahre bestehen, bis die Fruchtbarkeit wieder einsetzt.

Unterzuckerungen: Nach längerer unzureichender Kohlenhydratzufuhr sind die körpereigenen Reserven aufgebraucht. Da die endogene Bildung von Glucose (Gluconeogenese) nur sehr langsam abläuft, kann es in Kombination mit starker körperlicher Belastung zu Unterzuckerungen (Hypoglykämien) kommen, die – je nach Schweregrad – zur Bewusstlosigkeit und zu Hirnschäden bis hin zum Tod führen können.

Therapie: Psychotherapie

Die Grundlage für erfolgreiche Therapie der Magersucht stellt zunächst die Einsicht des Patienten dar. Ohne diese sind die Prognosen äußert ungünstig und Therapieerfolge eher unwahrscheinlich. Ist eine Bereitschaft zur Therapie vorhanden, ist das oberste Ziel die Normalisierung des Körpergewichts, wobei eine verhaltenstherapeutische Unterstützung notwendig ist. Ein weiterer Bestandteil der psychologischen Betreuung stellt die Therapie der verzerrten Körperwahrnehmung dar. Die Stärkung des Selbstwertgefühls ist ebenfalls von Bedeutung. Der Kontakt mit anderen Betroffenen und ehemaligen Anorektikern im Rahmen von Gruppentherapien wirkt sich häufig sehr positiv aus. Die Zusammenarbeit mit einem Psychologen / Heilpraktiker für Psychotherapie ist bei der Therapie unerlässlich. Optimal ist eine stationäre Behandlung in einer entsprechenden Einrichtung.

Ernährung

Neben der psychologischen Betreuung spielt die richtige Ernährung zur Normalisierung des Körpergewichts eine wichtige Rolle. In schweren Fällen kann zunächst eine künstliche Ernährung erforderlich sein. Wichtig ist anschließend eine langsame Steigerung der Nahrungsaufnahme, um Unverträglichkeiten zu vermeiden. Dabei sollten am Anfang nur Nahrungsmittel in leicht verwertbarer Form verabreicht werden. Aufgrund der Schleimhautschädigungen und des Lactasemangels werden Milch und Milchprodukte anfangs häufig nicht vertragen.

Im Anschluss daran erfolgt eine schrittweise Annäherung an eine energiereiche Basiskost. Der Energiebedarf wird dabei so veranschlagt, dass für jeweils 10 kg Untergewicht ein Zuschlag von 20 % des normalen Tagesbedarfs empfohlen wird (2.500-3.000 kcal / Tag). Die Nahrung sollte auf mehrere Mahlzeiten (ca. sechs) am Tag verteilt werden und reich an Kohlenhydraten und Fetten sein. Der Proteinbedarf entspricht dem einer „normalen“ Ernährung, liegt also bei etwa 15 % der Gesamtenergieaufnahme. Die Kost sollte vitamin- und mineralstoffreich, ausgewogen und abwechslungsreich sein. Zu meiden sind Lebensmittel, die energiearm, voluminös oder blähend sind. Weniger geeignete Lebensmittel beim Kostaufbau:

  • Hülsenfrüchte, Blattkohlsorten, Pilze
  • Fleisch-, Fisch- und Wurstwaren mit hohem Anteil an sichtbarem Fett
  • Mayonnaise, fettreiche Backwaren
  • fettarme, proteinreiche Lebensmittel (z.B. Magermilchprodukte)
  • stark kohlensäurehaltige Getränke

Bei steigender Energiezufuhr kann auch mit leichter körperlicher Aktivität begonnen werden. Dies fördert das Herz-Kreislauf-System und das Muskelwachstum. Grundsätzlich sollten die Speisen schmackhaft und appetitlich zubereitet und individuelle Bedürfnisse dabei berücksichtigt werden. Geringe Mengen Alkohol zur Steigerung des Appetits sind erlaubt. Bei bestehendem Untergewicht ohne vorliegende Essstörung kann direkt (d.h. ohne Aufbaukost) mit energiereicher Kost begonnen werden.

Eine Gewichtszunahme erreicht man generell durch eine positive Energiebilanz, d.h. wenn man dem Körper mehr Energie zuführt als er verbraucht. Allerdings gibt es auch Fälle, bei denen eine energiereiche Ernährung zu keiner Gewichtszunahme führt (z.B. bei Schilddrüsenüberfunktion). Um solche Fälle auszuschließen, sollten Sie sich an einen Arzt oder Heilpraktiker wenden.

Sonstige medizinische Maßnahmen

Aufgrund der gravierenden Folgen der unzureichenden Östrogenproduktion wird der gezielte Einsatz von Östrogenen, Gestagenen und Calcium im Rahmen der Osteoporoseprophylaxe diskutiert. Eine weitere medikamentöse Therapie ist nicht erforderlich. Trotz der niedrigen Konzentration des Schilddrüsenhormons T3 (Trijodthyronin) ist eine Therapie mit Schilddrüsenhormonen nicht angezeigt. Eine Ausnahme stellt die Behandlung mit Antidepressiva dar, sofern eine begleitende depressive Erkrankung vorliegt.

II. DIE ESS-BRECH-SUCHT

Definition

Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) ist eine Essstörung, die durch den Wechsel von Fressanfällen und Versuchen der Gewichtsreduktion gekennzeichnet ist. Charakteristisch ist der Kontrollverlust während der Hungerattacken, bei denen bis zu 20.000 kcal verschlungen werden. Die häufigsten Maßnahmen, die unternommen werden, um die exzessive Nahrungs- und Energiezufuhr auszugleichen, sind Erbrechen und Missbrauch von Abführmitteln und Diuretika (purging-Typ) sowie andere unangemessene kompensatorische Verhaltensweisen wie Fasten oder exzessiver Sport (non-purging-Typ).

Im Gegensatz zur Magersucht wird die Bedrohung durch die Krankheit wahrgenommen und der Zustand als unangenehm empfunden. Von der Bulimie können sowohl Unter- als auch Übergewichtige betroffen sein. Da sich viele Betroffene ihrer Krankheit schämen, muss von einer relativ hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Schätzungen zufolge leiden etwa 3 % der jungen Frauen an Bulimie.

Diagnose

Bulimia nervosa weist zwar Gemeinsamkeiten mit der Anorexie auf (krankhafte Beschäftigung mit dem eigenen Körper), jedoch gibt es auch einige Unterschiede:

Diagnostische Kriterien der Bulimia nervosa (DSM-IV)

Fressanfälle

  • Wiederholte Fressattacken mit hastigem Herunterschlingen Kontrollverlust
  • Die Betroffenen haben das Gefühl, nicht mit dem Essen aufhören zu können Kompensationsverhalten
  • Um eine Gewichtszunahme zu vermeiden, erfolgen regelmäßig Maßnahmen wie Erbrechen, Diäten, übertriebener Sport, Missbrauch von Abführmitteln und Diuretika Häufigkeit der Fressanfälle
  • Mindestens zwei Fressanfälle pro Woche über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten Körperschema
Andauernde, übertriebene Beschäftigung mit Figur und Gewicht Störung
  • Tritt nicht ausschließlich während einer Phase der Anorexia nervosa auf

Subtyp

Abführender Typ (purging-Typ)

  • 
Regelmäßig selbst herbeigeführtes Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln, Diuretika oder Einläufen Nicht-abführender Typ (non-purging-Typ)
  • Anderes unangemessenes Kompensationsverhalten wie Fasten, exzessiver Sport, jedoch kein Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln

Für die Diagnose ist eine ausführliche Anamnese erforderlich. Häufig findet sich ein gezügeltes, rein vom Kopf gesteuertes Essverhalten (restrained eating) in Kombination mit zahlreichen Diäten. Viele Patienten essen morgens und mittags nichts oder nur sehr wenig, woraus abends unerträglicher Heißhunger resultiert. Dies hat zum einen physiologische Gründe. Durch den Abfall des Blutzuckerspiegels reagiert der Körper mit Hunger. Zum anderen können auch psychologische Faktoren eine Rolle spielen. Während die Patienten tagsüber auf der Arbeit abgelenkt und in Gesellschaft sind, können Einsamkeit, Frust oder andere emotionale Belastungen dazu führen, dass abends versucht wird, diese Probleme mit Fressattacken zu kompensieren.

Auswirkungen auf den Körper

Allgemein: Die negativen Auswirkungen der Bulimie sind sowohl auf die Fastenperioden als auch auf das bei dieser Erkrankung typische Verhalten zurückzuführen. Die hormonellen Störungen ähneln in abgeschwächter Form denen der Magersucht.

Kaliummangel: Der durch die Mangelernährung meist vorliegende Kaliummangel wird durch die Kaliumverluste verstärkt, die durch das Erbrechen entstehen. Dies erhöht weiter das Risiko lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand.

Mundhöhle: Der Kontakt von Magensäure mit der Mundhöhle hat ebenfalls negative Auswirkungen. Durch die Säure wird der Zahnschmelz angegriffen und geschädigt, was zu einer Entmineralisierung führt. Dennoch ist die Karieshäufigkeit nur leicht erhöht, da die meisten Betroffenen anschließend ihre Zähne putzen, um den unangenehmen Geschmack zu beseitigen. Das Eindringen von Magensäure in die Speicheldrüsen kann Entzündungen und Schwellungen hervorrufen.

Therapie

Bei der Therapie der Ess-Brech-Sucht steht zunächst die Normalisierung des Essverhaltens im Vordergrund. Für unterernährte Bulimiker gelten die unter dem Thema Anorexie aufgeführten Ernährungsempfehlungen. Zur Veränderung des Essverhaltens ist verhaltenstherapeutische Unterstützung von besonderer Bedeutung. Im Rahmen eines Esstrainings werden die normalen Verhaltensweisen einstudiert, geübt und durch entsprechende Aufklärungsmaßnahmen unterstützt (nutritional counselling).

Nach der Normalisierung des Essverhaltens, was relativ wenig Zeit in Anspruch nimmt, gewinnt die Therapie der ursächlichen Probleme an Bedeutung. Dazu zählen die gestörte Körperwahrnehmung, der Bezug zu Gewicht und Figur sowie die Stressbewältigung. Erst wenn die psychischen Probleme überwunden sind, können Rückfälle vermieden bzw. reduziert werden. Auch hier ist psychologische Unterstützung erforderlich. Das Austauschen von Informationen mit Betroffenen kann ebenfalls sehr nützlich sein. Hierfür sind Selbsthilfegruppen geeignet, die es in jeder größeren Stadt gibt.

III. BINGE EATING DISORDER

Definition

Bei der Binge Eating Disorder (BED) handelt es sich um einen relativ neuen Krankheitsbegriff, der sich mit „Essattackenstörung“ übersetzen lässt. Allerdings ist aber auch in Deutschland die Verwendung des angloamerikanischen Begriffs üblich. Der Begriff wurde zwar bereits 1959 geprägt, als eigenständige Diagnose gibt es ihn in den USA jedoch erst seit 1994.

Diagnose

Binge Eating Disorder weist zwar Gemeinsamkeiten mit der Bulimie auf, jedoch gibt es auch einige Unterschiede

Diagnostische Kriterien der Binge Eating Disorder (DSM-IV)

Regelmäßige Essanfälle mit folgenden Merkmalen:

  • in einem abgrenzbaren Zeitraum wird eine Nahrungsmenge gegessen, die deutlich größer ist als die Menge, die andere Menschen im selben Umfang unter den gleichen Umständen essen würden
  • während des Essanfalls wird der Verlust der Kontrolle über das Essen empfunden
  • Die Essanfälle sind mit mindestens drei der folgenden Merkmale verbunden:
  • es wird wesentlich schneller gegessen als normal
  • es wird gegessen, bis man sich unangenehm voll fühlt
  • es werden große Mengen gegessen, obwohl man sich körperlich nicht hungrig fühlt
  • es wird allein gegessen, weil es einem peinlich ist
  • man fühlt sich von sich selbst angeekelt, depressiv oder sehr schuldig nach dem Überessen

Seelisches Befinden

  • Es besteht hinsichtlich der Essanfälle merkliche Verzweiflung
  • Häufigkeit der Essanfälle
  • Die Essanfälle treten im Durchschnitt an mindestens zwei Tagen pro Woche über sechs Monate auf
  • Kein Kompensationsverhalten

Die Essanfälle sind nicht mit regelmäßiger Anwendung unangemessenen Kompensationsverhaltens (z.B. abführende Maßnahmen, Fasten, exzessiver Sport) verbunden und treten nicht im Verlauf einer Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa auf. Für die Diagnose ist eine ausführliche Anamnese erforderlich. Da während der Fressattacken überwiegend Nahrungsmittel, die kohlenhydrat- und fettreich sind und wenig Vitamine und Mineralstoffe enthalten, verzehrt werden, weisen die Betroffenen häufig Mangelerscheinungen auf

Symptomatik

Wie bei Bulimia nervosa sind beim Binge Eating die wiederkehrenden Heißhungeranfälle das Hauptmerkmal. In den meisten Fällen verlieren die Betroffenen während der Heißhungeranfälle die Kontrolle. Anders als bei der Bulimie fehlen jedoch entsprechende Kompensationsmaßnahmen wie Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln etc. Wegen der hohen Kalorienanzahl während eines solchen Essanfalls entwickeln viele Betroffene daher mit der Zeit Übergewicht. Sie unterscheiden sich in ihrem Essverhalten jedoch von einem „typischen“ Übergewichtigen.

Während sich Adipöse ständig überessen, haben Übergewichtige mit Binge Eating Disorder „nur“ mehr oder weniger häufig Fressanfälle. Die Anfälle sind mit Ekelgefühl gegen sich selbst, Niedergeschlagenheit, Scham und Schuldgefühlen verbunden. Oft wird versucht, weitere Essattacken zu unterdrücken, damit das eigene Essverhalten wieder kontrolliert werden kann. Scheitert dieser Versuch, ziehen sich die Betroffenen häufig zurück und leben ihre Essattacken im Verborgenen aus. Sie können ihre Sucht häufig vor Familie und Freunden gut verstecken.

Häufigkeit

Eine in den USA erhobene Untersuchung zeigt, dass etwa 4 % der Bevölkerung von der Binge Eating Disorder betroffen sind. Damit ist es die am häufigsten auftretende Essstörung. Bei Übergewichtigen liegt der Anteil bei 5 %, in Gruppen zur Gewichtsreduktion bei 30 %. Anders als bei Anorexie und Bulimie gibt es keine typische Altersgruppe. Etwa ein Drittel der Betroffenen sind Männer.

Ursachen

Genaue Ursachen sind bisher noch nicht bekannt. Erfahrungen der Basler Universitätsklinik zeigen drei Faktoren als mögliche Ursachen:

  • Übergewicht bereits im Kindesalter
  • kohlenhydratarme, fettreiche Ernährung
  • Probleme im Umgang mit Konflikten

Außerdem zeigten Untersuchungen, dass etwa die Hälfte der Betroffenen schon mal depressiv war. Ob eine Depression Binge Eating verursacht oder ob sie ein Teil der Krankheit ist, ist derzeit noch nicht erforscht. Befragungen von Patienten zeigten, dass negative Gefühle wie Ärger, Frust etc. Auslöser von Fressattacken sind, d.h. die Essattacken treten häufig in Zeiten nervlicher Belastung auf. Durch das Essen, das allgemein mit positiven Gefühlen assoziiert wird, sollen die negativen Gefühle kompensiert werden.

Verschiedene Studien haben ergeben, dass viele Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten unfähig sind, Hunger von anderen unbehaglichen Gefühlen zu unterscheiden. Wie auch bei den anderen Essstörungen berichten die Betroffenen häufig über eine lange andauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und eine Vielzahl an Diätversuchen. Auch gezügeltes Essverhalten, das mit der Zeit aufgegeben wird, gilt als Entstehungsursache. Es besteht die Vermutung, dass mit dem Nachlassen der kognitiven Kontrolle das Essverhalten chaotisiert. Auch bei Binge Eating Disorder haben Modetrends, Schlankheitswahn und der Überfluss an Nahrungsmitteln bei der Entwicklung der Krankheit einen großen Einfluss.

Therapie

Die Behandlung von Binge Eating Disorder hat recht gute Erfolgsaussichten. Die verhaltenstherapeutische Therapie ähnelt der der Bulimie. Es werden zwei Ziele verfolgt: Normalisierung des Essverhaltens und Behandlung der zugrunde liegenden seelischen Konflikte. Die Normalisierung des Essverhaltens soll z.B. durch gemeinsame Einkäufe, Kochen und Essen in der Gruppe sowie durch Anleitung zu bewusstem Essen erfolgen.

In den Therapiesitzungen sollen die Betroffenen die Auslöser ihrer Fressattacken kennenlernen und neue Strategien einüben, um mit den kritischen Situationen umgehen zu können, die bisher Auslöser waren. Um die Stimmungen, Gefühle und Gewohnheiten, die zu den Attacken führen, zu ermitteln, führen die Betroffenen Tagebuch. Da Patienten häufig ein gestörtes Körpererleben haben, sind auch Bewegungstherapie und Sport Bestandteile der Therapie. Eine Diät ist nicht im Behandlungsansatz beinhaltet. Versuche der Gewichtsabnahme sollen unterlassen werden, die Regulierung des Körpergewichts soll durch die Normalisierung des Essverhaltens erfolgen.

Der Autor

Abbas SchirmohammadiAbbas Schirmohammadi ist ausgebildeter Heilpraktiker für Psychotherapie, Personality Coach, Psychologischer Management-Trainer und Mediator. Er hat Zusatzausbildungen zum Psychologischen Individual Coach, Entspannungs- therapeut, Kommunikationstrainer, Burnouttherapeut, Sexualtherapeut, Gesundheits- und Wellnesstrainer, in Familienstellen, Klientenzentrierter Gesprächsführung und Visualisierter Lösungsorientierter Psychotherapie. Nach seinem Abitur arbeitete er neben seinem Studium als TV-Moderator & -Kommentator. Im Ausland war er zwei Jahre als Coach & Management-Trainer für internationale Firmen. Zurück in Deutschalnd arbeitet er seit 2006 als Personality Coach, Management-Trainer und Mediator, sowie als Dozent und Ausbildungsleiter der Paracelsus Schulen für Naturheilverfahren und der Paracelsus Akademie (seit 2008 in der Geschäftsleitung). Abbas Schirmohammadi ist praktizierender Heilpraktiker für Psychotherapie und Chefredakteur des naturheilkundlichen Magazins “Paracelsus”, sowie Autor von 18 Fachbüchern und 11 CDs.

 

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