Ich darf dich nicht lieben…..oder doch!
Vistano Beraterin Aurora3 - Beraterblog
Michaela war vierzig Jahre alt, gerade geschieden. Oft fragte sie sich: Warum musste es so kommen? Die Wahrheit war schlicht: Sie und ihr Mann waren zu verschieden gewesen – gute Freunde, ja, aber mehr nicht.
Eines Tages kam er zu ihr und sagte:
„Michaela, ich habe mich in eine andere Frau verliebt.“
Sie hörte die Worte, doch innerlich weigerte sie sich, sie wirklich zu begreifen. Es fühlte sich an, als würde man einem Baum die Wurzeln entreißen. Ein Schock durchfuhr sie; ihr Magen verkrampfte sich zu einem schweren Stein. Instinktiv beugte sie sich nach vorn, als suche ihr Körper nach Erleichterung, und flüsterte nur:
„Wann? Wie? Und wer ist sie?“
Er erzählte ihr alles – ruhig, fast sanft. Doch sie hörte nur Geräusche, keine Bedeutung. Da stand sie, hilflos, und dachte: Jetzt darfst du nicht versagen. Jetzt musst du stark sein.
„Okay“, sagte sie schließlich. „Dann ist es also vorbei?“
Er sah sie an, voller Traurigkeit, und antwortete:
„Du entscheidest, wie es weitergeht.“
Was gibt es da zu entscheiden?, dachte sie. Du liebst eine andere. Du willst frei sein für sie. Die Antwort liegt auf der Hand.
Die Trennung verlief friedlich. Er zog aus – ohne Streit, ohne finanzielle Auseinandersetzungen. Kein Drama, nur eine stille Leere, die langsam verheilte.
Ein Jahr später wurde Michaela zur Geburtstagsfeier einer Freundin eingeladen. Inzwischen ging es ihr gut – besser, als sie je erwartet hatte. Langsam begriff sie: Diese Trennung war auch für sie eine Chance gewesen. Vielleicht, so hoffte sie, würde eines Tages ein Wunder geschehen – und sie könnte sich wieder in einen anderen Mann verlieben.
Doch je mehr Zeit verging, desto stärker wuchs die Angst:
Wird es wirklich nichts mehr? Bin ich dazu bestimmt, für immer allein zu bleiben?
Der Geburtstag fiel in den Mai. Michaela zog ein grünes Kleid mit kleinen weißen Blümchen an und betrat das elegante Restaurant mit neuem Selbstbewusstsein. Es war eine kleine Gesellschaft – vielleicht zwanzig Gäste. Einige kannte sie, andere nicht. Fröhlich nahm sie am Fenster Platz, wo gerade noch ein Stuhl frei war, und unterhielt sich mit den anderen Gästen.
Mehrfach blickte sie hinüber zur Tür am Ende des langen Tisches. Dort saß ein Mann, der ihr seltsam vertraut vorkam. Plötzlich erinnerte sie sich: Mit fünfzehn hatten ihre Eltern beschlossen, dass sie drei Jahre lang eine Musikschule besuchen sollte. Der Mann dort – das war Stefan, ihr damaliger engster Kollege.
Sie stand auf und ging zu ihm. Kaum hatte sie seinen Namen ausgesprochen, erkannte er sie – und die Überraschung in seinen Augen wich rasch echter Freude. Fünfundzwanzig Jahre lagen zwischen ihnen, doch es fühlte sich an, als wären sie gestern erst auseinandergegangen. Nach wenigen Minuten war das Eis gebrochen; das Gespräch floss leicht, natürlich, als hätte es nie eine Pause gegeben.
Was sie am meisten verwunderte, war dieses Gefühl: Freude, Vertrauen, Frische – und plötzlich dieses Kribbeln im Bauch, das sie längst vergessen geglaubt hatte.
Wie zauberhaft das Leben doch sein kann, dachte sie.
Sie vermochte ihre Gefühle nicht einzuordnen und beschloss, sie nicht zu bewerten. Stattdessen nahm sie alles einfach so, wie es war.
Stefan war zu einem außerordentlich attraktiven Mann geworden – verheiratet mit einer wunderschönen Frau, lebend in einem herrlichen Anwesen außerhalb des Bundeslandes.
Vielleicht, überlegte Michaela, hat Gott mich dieses Gefühl spüren lassen, damit ich mich daran erinnere, wie schön das Leben sein kann.
Doch dann kam der zweite Gedanke:
Oder sollte mit diesem Mann mehr werden?
Sofort verwarf sie ihn.
Ausgeschlossen.
Einige Monate später stand er vor ihrer Haustür – mit einem Strauß Blumen in der Hand.
„Ich wollte mich schon lange von meiner Frau trennen“, sagte er leise, „aber irgendwie fehlte mir die Kraft dazu. Bis zu jenem Abend mit dir. Obwohl ich nicht wusste, was du empfindest – diese Momente mit dir haben etwas in mir geweckt. Ich habe beschlossen, aus dieser Erstarrung auszubrechen. Ich möchte frei sein für einen neuen Lebensabschnitt. Und wenn du möchtest … würde ich gern an deiner Seite gehen.“
Michaela stand da, das Herz pochte wild in ihrer Brust.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit stellte sie sich die Frage nicht mehr rational, sondern fühlte sie bis ins Innerste:
„Ich darf dich nicht lieben … oder doch?“



